Ein überraschendes Testament


«Je donne et lègue au Gouvernement de la République Helvétique la totalité des valeurs par moi déposées en Suisse à la Banque Nationale à Berne et la Bankverein suisse à Bâle. Les revenus de ces valeurs serviront à distribuer chaque année un prix unique au savant suisse ou domicilié en Suisse qui aura pendant cette année fait la découverte ou l’étude la plus utile dans les sciences, particulièrement celles qui intéressent la vie humaine.»1

Testament Mit diesen Worten definierte Marcel Benoist im ersten Abschnitt seines Testaments vom 24. Februar 1914 den Preis, der seinen Namen tragen sollte. Der Erblasser vermachte der Eidgenossenschaft zudem seine Kunstsammlung und seine Bibliothek, er mach­te der schweizerischen Regierung die Auflage, sei­ner Gefährtin Gabrielle Duvivier eine Leibrente in der Höhe von 6000 Franken pro Jahr auszurichten, übertrug einige Vermögenswerte seinen Angehöri­gen und bestimmte als Universalerben die Kinder seiner Nichten sowie die eine seiner beiden Schwes­tern, die 1914 noch am Leben war; als Testaments­vollstrecker ernannte er den Anwalt und langjähri­gen Freund Etienne Sayet.

Die Überraschung war vollkommen. Marcel Benoist war den wissenschaftlichen Kreisen in der Schweiz und der schweizerischen Regierung bislang nicht bekannt gewesen. Zudem weist der Ausdruck «Regierung der helvetischen Republik» anstelle von «Bundesrat» deutlich darauf hin, dass der Erblasser mit den schweizerischen Institutionen nicht sehr ver­traut gewesen war.

Eine Überraschung – und Enttäuschung – war das Testament auch für Gabrielle Duvivier, die gehofft hatte, zumindest einen Teil der von ihr in  Lausanne betreuten Kunstsammlung von Marcel Benoist zu erben. Es bereitete ihr jedoch keinerlei Schwierig­keiten, alles den Vertretern des Bundesrates zu überlassen. Die Sammlung wurde der Obhut der Stadt Lausanne übergeben, die sie 1965 kaufte. Sie befindet sich noch immer da, in der Villa Mon Repos, die speziell zu diesem Zweck hergerichtet wurde; einzig die Bücher2 integrierte man ins Stadt­archiv Lausanne. Bemerkenswert sind vor allem die Tapisserien der Sammlung (siehe die Rubrik "Das Stiftungsvermögen" unter Die Stiftung: Aktuelles); es gehören aber auch Möbel, Teppiche, Bronzestatuen, chinesische und japanische Vasen, Porzellan, Fayencen und Stiche dazu.

Überraschung und Ärger schliesslich auch für die Angehörigen von Marcel Benoist, die den grössten Teil des Vermögens davonschwimmen sahen, jedoch gute Miene zum bösen Spiel machten und im Jahr 1919 das Einzelvermächtnis herausga­ben, nachdem sie sich mit der schweizerischen Re­gierung über eine akzeptable finanzielle Lösung geeinigt hatten. Dabei ging es vor allem darum, die Familie von der Bezahlung der Erbschaftssteuer zu befreien, die im Krieg erheblich erhöht worden war, und die laut Testament vollständig zu Lasten der gesetzlichen Erben ging.

Den überlieferten Zeugnissen nach zu urteilen macht es den Anschein, als ob Marcel Benoist schon im­mer geplant hatte, bei seinem Tod sein Vermögen auf zwei Teile aufzuteilen. Er hatte vor, seinen gesetzlichen Erben rund einen Drittel sei­nes Vermögens zu überlassen, was seiner Meinung nach in etwa der Summe entsprach, die er selber von seinen Eltern geerbt hatte. Die Einsetzung sei­ner Familiengehörigen als Universalerben für seine nicht verteilten Vermögensanteile mittels Einzelver­mächtnis spricht für diese Absicht.

Für das restliche Vermögen hatte er stets die Ein­richtung einer Stiftung mit wissenschaftlichem oder karitativem Zweck vorgesehen, allerdings war ihm die genauere Bestimmung einer solchen Instituti­on nicht klar. Warum entschloss er sich am Ende dazu, einen Wissenschaftspreis zu stiften? Wir wis­sen es nicht, aber der Wortlaut der weiter oben zitierten Passage erinnert an das Testament von Al­fred Nobel (1895).3 Die Annahme ist deshalb nicht abwegig, dass Marcel Benoist dem Beispiel des schwedischen Industriellen folgen wollte. Vermutlich soll­te sein Vermächtnis auch eine Form der Dankbar­keit gegenüber seinem Gastland darstellen und bot mit der gleichzeitig formulierten Auflage die Mög­lichkeit, für seine langjährige Lebensgefährtin eine Leibrente sicherzustellen.

 

1 «Ich vermache der Regierung der helvetischen Republik alle meine Wert­titel, die ich bei der Schweizerischen Nationalbank in Bern und dem Schweizerischen Bankverein in Basel deponiert habe. Die Erträge dieser Kapitalien sollen dazu dienen, jährlich jenem schweizerischen oder in der Schweiz domizilierten Gelehrten, der während des Jahres die nützlichste wissenschaftliche Erfindung, Entdeckung oder Studie gemacht hat, die insbesondere für das menschliche Leben von Bedeutung ist, einen einzi­gen Preis zu verleihen.»

 

2 Rund 600 hauptsächlich literarische Werke.

 

3 «Das Kapital, vom Testamentvollstrecker in sicheren Wertpapieren rea­lisiert, soll einen Fonds bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise jenen zuerteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den grössten Nutzen gebracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile geteilt, von denen zufällt: ein Teil dem, der auf dem Gebiet der Physik die wich­tigste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat…»