| Ein überraschendes Testament |
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Die Überraschung war vollkommen. Marcel Benoist war den wissenschaftlichen Kreisen in der Schweiz und der schweizerischen Regierung bislang nicht bekannt gewesen. Zudem weist der Ausdruck «Regierung der helvetischen Republik» anstelle von «Bundesrat» deutlich darauf hin, dass der Erblasser mit den schweizerischen Institutionen nicht sehr vertraut gewesen war. Eine Überraschung – und Enttäuschung – war das Testament auch für Gabrielle Duvivier, die gehofft hatte, zumindest einen Teil der von ihr in Lausanne betreuten Kunstsammlung von Marcel Benoist zu erben. Es bereitete ihr jedoch keinerlei Schwierigkeiten, alles den Vertretern des Bundesrates zu überlassen. Die Sammlung wurde der Obhut der Stadt Lausanne übergeben, die sie 1965 kaufte. Sie befindet sich noch immer da, in der Villa Mon Repos, die speziell zu diesem Zweck hergerichtet wurde; einzig die Bücher2 integrierte man ins Stadtarchiv Lausanne. Bemerkenswert sind vor allem die Tapisserien der Sammlung (siehe die Rubrik "Das Stiftungsvermögen" unter Die Stiftung: Aktuelles); es gehören aber auch Möbel, Teppiche, Bronzestatuen, chinesische und japanische Vasen, Porzellan, Fayencen und Stiche dazu. Überraschung und Ärger schliesslich auch für die Angehörigen von Marcel Benoist, die den grössten Teil des Vermögens davonschwimmen sahen, jedoch gute Miene zum bösen Spiel machten und im Jahr 1919 das Einzelvermächtnis herausgaben, nachdem sie sich mit der schweizerischen Regierung über eine akzeptable finanzielle Lösung geeinigt hatten. Dabei ging es vor allem darum, die Familie von der Bezahlung der Erbschaftssteuer zu befreien, die im Krieg erheblich erhöht worden war, und die laut Testament vollständig zu Lasten der gesetzlichen Erben ging. Den überlieferten Zeugnissen nach zu urteilen macht es den Anschein, als ob Marcel Benoist schon immer geplant hatte, bei seinem Tod sein Vermögen auf zwei Teile aufzuteilen. Er hatte vor, seinen gesetzlichen Erben rund einen Drittel seines Vermögens zu überlassen, was seiner Meinung nach in etwa der Summe entsprach, die er selber von seinen Eltern geerbt hatte. Die Einsetzung seiner Familiengehörigen als Universalerben für seine nicht verteilten Vermögensanteile mittels Einzelvermächtnis spricht für diese Absicht. Für das restliche Vermögen hatte er stets die Einrichtung einer Stiftung mit wissenschaftlichem oder karitativem Zweck vorgesehen, allerdings war ihm die genauere Bestimmung einer solchen Institution nicht klar. Warum entschloss er sich am Ende dazu, einen Wissenschaftspreis zu stiften? Wir wissen es nicht, aber der Wortlaut der weiter oben zitierten Passage erinnert an das Testament von Alfred Nobel (1895).3 Die Annahme ist deshalb nicht abwegig, dass Marcel Benoist dem Beispiel des schwedischen Industriellen folgen wollte. Vermutlich sollte sein Vermächtnis auch eine Form der Dankbarkeit gegenüber seinem Gastland darstellen und bot mit der gleichzeitig formulierten Auflage die Möglichkeit, für seine langjährige Lebensgefährtin eine Leibrente sicherzustellen.
1 «Ich vermache der Regierung der helvetischen Republik alle meine Werttitel, die ich bei der Schweizerischen Nationalbank in Bern und dem Schweizerischen Bankverein in Basel deponiert habe. Die Erträge dieser Kapitalien sollen dazu dienen, jährlich jenem schweizerischen oder in der Schweiz domizilierten Gelehrten, der während des Jahres die nützlichste wissenschaftliche Erfindung, Entdeckung oder Studie gemacht hat, die insbesondere für das menschliche Leben von Bedeutung ist, einen einzigen Preis zu verleihen.»
2 Rund 600 hauptsächlich literarische Werke.
3 «Das Kapital, vom Testamentvollstrecker in sicheren Wertpapieren realisiert, soll einen Fonds bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise jenen zuerteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den grössten Nutzen gebracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile geteilt, von denen zufällt: ein Teil dem, der auf dem Gebiet der Physik die wichtigste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat…» |
