Wer war Marcel Benoist?


Marcel BenoistStiftet jemand einen Preis, der eine gewisse Be­kanntheit erreicht, so möchte man gerne etwas über das Leben und die Persönlichkeit der fraglichen Person wissen. Im Fall von Marcel Benoist bleibt dieser Punkt weitgehend im Dunkeln. Offensichtlich war er ein sehr zurückhaltender, wenn nicht gar verschlossener Mensch. Sein Freund, der Anwalt Etienne Sayet, bezeichnete ihn als «geborenen Pessimisten». Er führte ein einzelgängerisches Leben und hinter­liess ausser seinem Testament prak­tisch keine schriftlichen Spuren. Was Fotografien angeht, fand man einzig eine Aufnahme aus der Kinderzeit und das hier wieder­gegebene Jugendporträt. Dank einigen Berichten und den Er­innerungen seiner Angehörigen lässt sich aber dennoch ein gro­bes Bild seiner Persönlichkeit und der wichtigsten Stationen seines Le­bens zeichnen.

Marcel Benoist stammte aus einer grossbürgerli­chen Familie von der Ile-de-France. Nach dem Rechts­studium liess sich sein Vater, Constant Benoist, in Paris nieder und eröffnete eine den Pariser Gerich­ten zugeordnete Avoué-Kanzlei.1 Marcel Benoist kam 1864 auf die Welt und folgte beruflich seinem Vater: 1889 übernahm er dessen Kanzlei. 1898 gab er jegli­che Erwerbstätigkeit auf, wobei die Gründe für die­sen Entschluss weitgehend unklar sind. Vielleicht wollte er seine Gesundheit schonen, jedenfalls führte er während Jahren das Leben eines wohlhabenden Humanisten, unternahm zahlreiche Reisen durch ganz Europa und hielt sich abwechselnd in seiner Villa in Saint-Cloud, auf seinem Jagdgut Les Aulnes in der Nähe von Mitry-Mory bei Paris und in seiner Stadtwohnung am Faubourg Saint-Honoré auf. Er las viel, interessierte sich für alles und eignete sich ein breites Allgemeinwissen an, das in seiner Umgebung Bewunderung auslöste. Sayet beschrieb Marcel Be­noist als sportlichen, gut gebauten Mann; allerdings scheint er sich ständig nahezu zwanghaft um seine Gesundheit gesorgt zu haben.

In einer Vorahnung der kommenden Verschlechte­rung der internationalen Lage begann Marcel Be­noist ab 1911, sein Vermögen, seine Bibliothek und seine Kunstsammlung in die Schweiz zu transferieren. Ab 1914 wohnte er hauptsächlich in Lausanne, in einer Villa im Quartier La Rosiaz; aller­dings gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass er in der Schweiz neue soziale Beziehungen aufgebaut hätte – weder mit den politischen, noch mit den wissenschaftlichen Kreisen.

In der Erinnerung seiner Angehöri­gen war Marcel Benoist eine grosszügi­ge Person, ein Philanthrop, der Leid lin­dern wollte und der sich gerne in die ar­men Quartiere von Paris begab, um Almosen zu verteilen. In diesen Quartieren habe er denn auch im Jahr 1918 die Pocken aufgelesen, an denen er im Alter von nur 54 Jahren verstarb.

Vielleicht war es dieser philanthropische Charakter­zug, dem er die Bekanntschaft mit Gabrielle Duvivier (1885–1976) verdankte, der einzigen Person, die ihm wirklich nahe stand. Ihr zufolge war Marcel Benoist mit ihren Eltern befreundet und agierte als Wohl­täter ihrer Familie. Er übernahm gegenüber der um 21 Jahre jüngeren Gabrielle in deren Kindesalter die Rolle eines Paten und kam für einen Teil ihrer Aus­bildungskosten auf. Mit 20 Jahren verliess Gabrielle ihr Elternhaus, um Marcel Benoist zu folgen, und liess sich in Lausanne nieder: Offiziell war sie seine Sekretärin, sie kümmerte sich um das neue Domizil und um seine Geschäfte in der Schweiz, und dies mit ei­ner solchen Hingabe, dass sie von Marcel Benoist in seinem Testament mit einer Leibrente bedacht wur­de.

Marcel Benoist hatte zwei Schwestern. Da er kin­derlos war, stellten diese beiden Frauen und deren Nachkommen seine Familie dar.

 

1 In Frankreich ist der avoué – eine Funktion, die es in der Schweiz nicht gibt – ein von der Garde des Sceaux (Justizbehörde) ernannter Ministerialbeamter mit juristischer Ausbildung, der seine Klienten vor dem Appellationsgericht vertritt. Im Unter­schied zum Anwalt plädiert ein avoué nicht.