| Wer war Marcel Benoist? |
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Marcel Benoist stammte aus einer grossbürgerlichen Familie von der Ile-de-France. Nach dem Rechtsstudium liess sich sein Vater, Constant Benoist, in Paris nieder und eröffnete eine den Pariser Gerichten zugeordnete Avoué-Kanzlei.1 Marcel Benoist kam 1864 auf die Welt und folgte beruflich seinem Vater: 1889 übernahm er dessen Kanzlei. 1898 gab er jegliche Erwerbstätigkeit auf, wobei die Gründe für diesen Entschluss weitgehend unklar sind. Vielleicht wollte er seine Gesundheit schonen, jedenfalls führte er während Jahren das Leben eines wohlhabenden Humanisten, unternahm zahlreiche Reisen durch ganz Europa und hielt sich abwechselnd in seiner Villa in Saint-Cloud, auf seinem Jagdgut Les Aulnes in der Nähe von Mitry-Mory bei Paris und in seiner Stadtwohnung am Faubourg Saint-Honoré auf. Er las viel, interessierte sich für alles und eignete sich ein breites Allgemeinwissen an, das in seiner Umgebung Bewunderung auslöste. Sayet beschrieb Marcel Benoist als sportlichen, gut gebauten Mann; allerdings scheint er sich ständig nahezu zwanghaft um seine Gesundheit gesorgt zu haben. In einer Vorahnung der kommenden Verschlechterung der internationalen Lage begann Marcel Benoist ab 1911, sein Vermögen, seine Bibliothek und seine Kunstsammlung in die Schweiz zu transferieren. Ab 1914 wohnte er hauptsächlich in Lausanne, in einer Villa im Quartier La Rosiaz; allerdings gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass er in der Schweiz neue soziale Beziehungen aufgebaut hätte – weder mit den politischen, noch mit den wissenschaftlichen Kreisen. In der Erinnerung seiner Angehörigen war Marcel Benoist eine grosszügige Person, ein Philanthrop, der Leid lindern wollte und der sich gerne in die armen Quartiere von Paris begab, um Almosen zu verteilen. In diesen Quartieren habe er denn auch im Jahr 1918 die Pocken aufgelesen, an denen er im Alter von nur 54 Jahren verstarb. Vielleicht war es dieser philanthropische Charakterzug, dem er die Bekanntschaft mit Gabrielle Duvivier (1885–1976) verdankte, der einzigen Person, die ihm wirklich nahe stand. Ihr zufolge war Marcel Benoist mit ihren Eltern befreundet und agierte als Wohltäter ihrer Familie. Er übernahm gegenüber der um 21 Jahre jüngeren Gabrielle in deren Kindesalter die Rolle eines Paten und kam für einen Teil ihrer Ausbildungskosten auf. Mit 20 Jahren verliess Gabrielle ihr Elternhaus, um Marcel Benoist zu folgen, und liess sich in Lausanne nieder: Offiziell war sie seine Sekretärin, sie kümmerte sich um das neue Domizil und um seine Geschäfte in der Schweiz, und dies mit einer solchen Hingabe, dass sie von Marcel Benoist in seinem Testament mit einer Leibrente bedacht wurde. Marcel Benoist hatte zwei Schwestern. Da er kinderlos war, stellten diese beiden Frauen und deren Nachkommen seine Familie dar.
1 In Frankreich ist der avoué – eine Funktion, die es in der Schweiz nicht gibt – ein von der Garde des Sceaux (Justizbehörde) ernannter Ministerialbeamter mit juristischer Ausbildung, der seine Klienten vor dem Appellationsgericht vertritt. Im Unterschied zum Anwalt plädiert ein avoué nicht. |

Stiftet jemand einen Preis, der eine gewisse Bekanntheit erreicht, so möchte man gerne etwas über das Leben und die Persönlichkeit der fraglichen Person wissen. Im Fall von Marcel Benoist bleibt dieser Punkt weitgehend im Dunkeln. Offensichtlich war er ein sehr zurückhaltender, wenn nicht gar verschlossener Mensch. Sein Freund, der Anwalt Etienne Sayet, bezeichnete ihn als «geborenen Pessimisten». Er führte ein einzelgängerisches Leben und hinterliess ausser seinem Testament praktisch keine schriftlichen Spuren. Was Fotografien angeht, fand man einzig eine Aufnahme aus der Kinderzeit und das hier wiedergegebene Jugendporträt. Dank einigen Berichten und den Erinnerungen seiner Angehörigen lässt sich aber dennoch ein grobes Bild seiner Persönlichkeit und der wichtigsten Stationen seines Lebens zeichnen.