| Wählbare Fächer |
An welche Fächer geht der Preis?Marcel Benoist hielt in seinem Testament fest, sein Vermögen solle dazu dienen, «jährlich jenem schweizerischen oder in der Schweiz domizilierten Gelehrten, der während des Jahres die nützlichste wissenschaftliche Erfindung, Entdeckung oder Studie gemacht hat, die insbesondere für das menschliche Leben von Bedeutung ist, einen einzigen Preis zu verleihen.» Wie aber hat der Stiftungsrat die Wendung «für das menschliche Leben von Bedeutung» interpretiert? Eine statistische Auswertung der Preise von 1920 bis 2006 ergibt folgendes Ergebnis:
Ferner lässt sich die Dominanz der Life Sciences und der Medizin beobachten: An diese beiden Sparten gingen nicht weniger als zwei Drittel der Preise. Es ist mithin klar, dass das Kriterium «insbesondere für das menschliche Leben von Bedeutung» meist zu Gunsten von Arbeiten interpretiert wurde, die einen engen oder weiteren Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit hatten. In den ersten Jahren der Stiftung wurde diese Begründung manchmal allerdings herangezogen, um den Preis an Disziplinen zu verleihen, die im Grunde weit von den Life Sciences entfernt waren. In der Begründung für die Preisvergabe des Jahres 1923 an den Geologen Maurice Lugeon hiess es beispielsweise unter anderem, seine Arbeiten zur Bedeutung der Stützpunkte für grosse Staudämme hätten zur Verbesserung deren Stabilität beigetragen und somit zur Prävention von Dammbrüchen; die Bedeutung für das menschliche Leben sei somit gegeben. Auch die ersten Preisvergaben an die organische Chemie (Leopold Ruzicka, 1938; Tadeus Reichstein, 1947) hoben nicht deren synthetischen Leistungen auf dem Gebiet der Farb- bzw. der Kunststoffe hervor, sondern jene im Bereich der physiologischen Substanzen (Hormone und Vitamine). Es gibt vermutlich vielerlei Gründe für diese anfängliche Tendenz des Stiftungsrates, die Bedeutung für das menschliche Leben in den meisten Fällen als «nützlich für die Gesundheit» zu interpretieren, denn spricht man von Bedeutung für das menschliche Leben, so kommt einem als erstes spontan die Gesundheit in den Sinn. Vor dem zweiten Weltkrieg lag die durchschnittliche Lebenserwartung um einiges tiefer als heute und Krankheiten, vor allem Infektionskrankheiten, waren allgegenwärtig. Diese Realität – das Schicksal des mit 54 Jahren an Pocken verstorbenen Marcel Benoist lässt sich als Kommentar dazu lesen –, liess Fortschritte in der medizinischen Forschung als besonders dringlich und gesellschaftlich relevant erscheinen. Zudem waren die Medizin und die Biowissenschaften im ersten Stiftungsrat stark vertreten und stellten nicht weniger als die Hälfte seiner Mitglieder. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Etienne Sayet, der Vertreter der Familie Benoist bis ins Jahr 1942, den Stiftungsrat ebenfalls in diese Richtung beeinflusste. Von ihm wissen wir nämlich, dass Marcel Benoist geradezu obsessiv mit seiner Gesundheit beschäftigt war. Sayet verstand sich als Hüter der testamentarischen Absichten des Erblassers und vermutlich ging er davon aus, sein Freund habe bei der Abfassung des Testaments an die medizinischen Wissenschaften gedacht. Die Betonung der Medizin und der ihr verwandten Fächer hatte sogar zur Folge, dass der Marcel-Benoist-Preis manchmal als medizinischer Preis angesehen wurde. Alfredo Vannotti (Preisträger 1936) machte im Jahr 1965 als Stiftungsrat die Bemerkung, die medizinische Fachwelt habe ganz offensichtlich mit Erstaunen reagiert, als ein Mathematiker (Georges de Rham) den Preis erhalten habe. Trotz allem findet man in den ersten Stiftungsjahren auch einige Preisträger, deren Arbeiten nicht als direkt nützlich für die menschliche Gesundheit bezeichnet werden können. Es handelt sich um die beiden Geologen Albert Heim (1923) und Emile Argand (1926), um die Genetiker Fritz Baltzers (1939) und Robert Matthey (1944) und um den Physiker Paul Scherrer (1943). Die Preisvergabe an diese Wissenschaftler deutet bereits auf zwei Gedankengänge hin, die den Stiftungsrat im Laufe der Jahre dazu bewogen, seine Sicht des Kriteriums «Bedeutung für das menschliche Leben» zu revidieren. Beim ersten Gedankengang geht es darum, was denn genau «Bedeutung für das menschliche Leben » heissen solle. Die enge Auslegung, die einen Nutzen für die Gesundheit meinte, wurde allmählich erweitert zu «Nutzen für das tägliche Leben», womit auch Arbeiten den Preis erhalten konnten, die in den Bereichen Technik, Wirtschaft oder Umwelt Anwendungen fanden. In diese Kategorie fiel in den ersten Stiftungsjahren beispielsweise die Preisvergabe von 1929 an den Mineralogen Paul Niggli für seine Studien zur geographischen Lokalisierung von Rohstoffvorkommen. Der Preis des Jahres 1940 ging an den zukünftigen Bundesrat Friedrich Wahlen für seinen Plan zum Ausbau der Landwirtschaft während Kriegszeiten, jener des Jahres 1945 an Ernst Gäumann für seine Studien zu Pflanzenkrankheiten. Beide Male hatten die Arbeiten also nicht direkt mit der Medizin zu tun, sondern befassten sich mit dem Wohlergehen der Bevölkerung, sei es durch die Erzielung einer grösseren Unabhängigkeit von Nahrungsmittelimporten oder durch die Vermeidung von Ernteschwankungen. In der jüngeren Stiftungsgeschichte erhielten drei Umweltwissenschaftler gemeinsam den Preis: 1990 ging er an Bruno Messerli, Hans Oeschger und Werner Stumm, ein weiteres Beispiel für die zunehmende Öffnung des Preises auf Gebiete hin, die sich nicht im engen Rahmen der menschlichen Gesundheit lokalisieren lassen. Bei der anderen Überlegung ging es um die Rolle der Grundlagenforschung. Der im Jahr 1925 Alfred Gysi zugesprochene Preis illustriert das damalige Denken des Stiftungsrats sehr gut. Der Laureat wurde nicht nur für seine grundlegenden Arbeiten zur Kaubewegung gelobt, sondern auch deshalb, weil seine Forschungen zu einer Verbesserung von Zahnprothesen geführt hatten. Mit anderen Worten, Grundlagenforschung war dann auszeichnungswürdig, wenn sie bereits zu konkreten nützlichen Folgen geführt hatte. Ein in dieser Hinsicht wichtiger Schritt erfolgte mit der Preisvergabe von 1939 an den Zoologen Fritz Baltzer. Der Preisträger befasste sich in seinen Forschungsarbeiten mit den Vererbungsmechanismen bei Bastarden. Hier sucht man vergebens nach einer konkreten Anwendung für das menschliche Leben, aber in der Rede anlässlich der Preisverleihung wurde die Hoffnung geäussert, mit diesen Forschungen würde man angeborene Anomalien beim Menschen besser verstehen lernen. Jetzt erhielt also eine Grundlagenarbeit den Preis, wenn man daraus Wirkungen für das menschliche Leben erwarten konnte, selbst wenn diese noch nicht eingetreten waren. Auch Bundesrätin Ruth Dreifuss hielt anlässlich der Preisübergabe im Jahr 1994 an den Neurologen Martin Schwab fest, es gelte, die unersetzliche Rolle der Grundlagenforschung als Ferment für die angewandte Forschung zu würdigen. Viele Preisträger verdanken ihren Preis dieser Überlegung; dazu gehören etwa Robert Matthey (1944), Emile Guyénot (1950), Ernst Hadorn (1954), Eduard Kellenberger und Alfred Tissières (1966), und die Anzahl nahm mit den Jahren stetig zu. Der logische Ausgang der beiden Überlegungen bestand darin, die kulturelle Bereicherung aufgrund des Erkenntniszuwachses an und für sich als von «Bedeutung für das menschliche Leben» zu betrachten, selbst bei Fehlen jeglicher Möglichkeit der medizinischen oder technischen Anwendung, sei sie real oder potenziell. Mit der Preisvergabe an die Mathematik (George de Rham, 1965) und an die Astronomie (Michel Mayor, 1998) wurde dieser letzte Schritt vollzogen. Ende des 20. Jahrhunderts hatte der Stiftungsrat also eine erhebliche Erweiterung seiner Interpretation der Wendung «für das menschliche Leben von Bedeutung» vorgenommen. Er betrachtete nun jede qualitativ hochstehende Arbeit als preiswürdig und gewichtete fortan die möglichen konkreten Anwendungen viel weniger stark. Am Ende doch noch: die Geistes- und Sozialwissenschaften
Es war unvermeidlich, dass die beiden Überlegungen, die den Stiftungsrat allmählich zu einer weiteren Auffassung der Wendung «für das menschliche Leben von Bedeutung» bewogen, am Ende auch die Debatte um den Einbezug der Geistes- und Sozialwissenschaften lancieren mussten. Während langer Zeit hatten die Bedingung, die ausgewählten Arbeiten hätten praktisch anwendbar zu sein oder zumindest ein Potenzial für die Praxis aufzuweisen, sowie die Betonung der menschlichen Gesundheit zu einem systematischen Ausschluss der Kandidaturen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften geführt. Vielleicht trug auch eine Art Teufelskreis zu dieser Situation bei, insofern als die Nicht-Wählbarkeit der Geistes- und Sozialwissenschaften zur Folge hatte, das diese bis 1999 nicht im Stiftungsrat vertreten waren.
1999 berichtete die Berner Tageszeitung Der Bund von der ersten Preisverleihung des Marcel-Benoist-Preises an zwei Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften. Bundesrätin Ruth Dreifuss überreicht den Preis an Prof. Luzius Wildhaber (rechts); in der Mitte der zweite Preisträger, Prof. Jörg Paul Müller.
Eines ist gewiss: Der Ausschluss dieser Disziplinen mangels «Bedeutung für das menschliche Leben» war nicht durch das Fehlen passender Arbeiten bedingt. Im Gegenteil, Arbeiten von anerkannten, ja berühmten Gelehrten wurden in Betracht gezogen, z.B. jene der Psychologen Hermann Rohrschach (1922) und Jean Piaget (1938) oder jene des Historikers Jean-Rodolphe von Salis (1961). Als der Stiftungsrat schliesslich akzeptierte, dass die kulturelle Bereicherung aufgrund des Erkenntniszuwachses – mit allen Folgen, die dies für die Reflexion der Condition humaine haben kann – an und für sich für das menschliche Leben von Bedeutung ist, selbst wenn keine reellen oder potenziellen technologischen Fortschritte damit verbunden sind, konnte er den Ausschluss der Geistes- und Sozialwissenschaften nicht mehr länger rechtfertigen. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde dieser Punkt im Stiftungsrat verschiedentlich diskutiert. Schliesslich einigte man sich auf den Standpunkt, dass wegen der veränderten Auslegung der Wendung «für das menschliche Leben von Bedeutung» nun auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zu den wählbaren Disziplinen gehören müssten. Mit anderen Worten: 1995 war der Stiftungsrat reif für eine neue Sicht der Dinge. Den Ausschlag gab am Ende die Stiftung Silva Casa. 1996 machte diese Institution der Marcel-Benoist-Stiftung das sehr grosszügige Geschenk von einer Million Franken und formulierte dabei den Wunsch, es sei die Möglichkeit der Berücksichtigung der Geistes- und Sozialwissenschaften zu prüfen. Angesichts der herrschenden Umstände konnte man dieses Anliegen kaum abschlägig beantworten, und mit der Annahme der revidierten Statuten vom 15. August 1997 wurde die Wählbarkeit der Geistesund Sozialwissenschaften denn auch in Artikel 4 des Reglements festgehalten. Seither, das heisst in den Jahren 1997 bis 2008, ging der Marcel-Benoist-Preis vier Mal an diese Disziplinen. 1999 teilten sich ihn zwei Juristen, Jörg Paul Müller von der Universität Bern und Luzius Wildhaber von der Universität Basel, damals Präsident des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Strassburg. 2001 ging der Preis an den Kenner der Philosophie des Mittelalters, Ruedi Imbach (Universität Freiburg und Universität Paris IV – Sorbonne), 2005 an Othmar Keel, Religionshistoriker an der Universität Freiburg, und 2008 an Ernst Fehr, Ökonom an der Universität Zürich. Eine andere Folge des Einbezugs der Geistes- und Sozialwissenschaften war die Einladung im Jahr 1998 an die Universität St.Gallen, einen Vertreter oder eine Vertreterin in den Stiftungsrat zu ernennen. Das gleiche Recht erhielten auch die Universität Luzern und jene der italienischen Schweiz, als sie vom Bund anerkannt wurden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Marcel-Benoist-Preis heute allen wissenschaftlichen Disziplinen offen steht, sofern die eingereichten Arbeiten – dies bleibt eine Bedingung sine qua non – den Qualitätsanforderungen genügen, die die Zuerkennung dieser Auszeichnung erheischt.
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Was sofort auffällt, ist das Fehlen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Gründe, weshalb diese Sparten bei der Vergabe des Marcel-Benoist-Preises bis 1997 unberücksichtigt blieben und weshalb der Stiftungsrat diese Praxis geändert hat, werden in einem anderen Abschnitt untersucht.